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  • Zincoli Kamin

    mit Martin Denker und trint + kreuder d.n.a.
  • Die Städteregion Aachen befindet sich im strukturellen Wandel; weg von der Industrieregion und hin zu einer neuen Ökonomie mit digitalen Wirtschaftszweigen und Dienstleistungen. Die „Kupferstadt“ Stolberg bietet mit ihrer polyzentrischen Struktur und ausgeprägten Infrastruktur starke Voraussetzungen bei dieser Entwicklung Impulse zu setzen.

    Der durch steinkohle- und glasproduzierendes Gewerbe geprägte Betrachtungsraum in Münsterbusch liegt attraktiv zwischen Wohngebieten und dem nördlichen Naherholungsgebiet auf einer topografischen Höhe. Um in dem geplanten Gewerbegebiet zukünftig eine junge „Kreativkultur“ anzuziehen, werden Entwicklungen benötigt, bei denen der historische Ortsbezug Bestandteil, und als kulturelles Erbe in der Stadtlandschaft ablesbar ist.

    Nach verhaltenen Anläufen benötigt das Zincoli Grundstück nun einen mutigen Impuls. Der exponierte Kaminschlot bietet die Chance den Wandel gut sichtbar zu kommunizieren und zugleich auf die hochwertige Museumsanlage aufmerksam zu machen. Aufgrund der Sichtbarkeit aus den angrenzenden Nachbarländern, sowie der Lage im Herzen Europas, ist außerdem eine internationale Ansprache angemessen.

    RAKONTO – Die Zukunft versiegelt zärtlich die Geschichte

    Der Kaminschlot wird durch eine erneuerte Abdeckung aus poliertem Messing als zeitlose Landmark inszeniert. Der glatte, aerodynamische Deckel schmiegt sich wie ein maßgeschneiderter Ring um die raue Oberfläche des Kaminkopfes und unterstützt seine Windableitung. Messing, die Kupferlegierung mit Zink spiegelt im wahrsten Sinne des Wortes das, den Ort bestimmende, Material in seine Umgebung. Die Zukunft versiegelt zärtlich die Geschichte.

    Auf dem Schaft des Schlotes steht gigantisch groß „Geschichte“ auf Esperanto: RAKONTO. Es wird bewusst kein englisches oder deutsches Wort gewählt, sondern die Plansprache für die ganze Welt, um in einer sich rasch wandelnden Gegenwart ein Zeichen für internationale Verständigung zu setzen. Der Ansatz dieses Projektes soll auch in den europäischen Nachbarländern erkennbar werden.

    Das Material – Kaminschlot neu bedacht!

    Das polierte Messing des neue Kamindeckels zollt der Geschichte des Ortes Tribut. Der neue Kamindeckel wird aus 12 gleich großen Teilen als aerodynamische Leichtmetallkonstruktion geplant; die sichtbarer Messing-Oberfläche in Hochglanz-Finish. Die Unterkonstruktion ist eine 30°-Teilung segmentierte Fachwerk-Konstruktion aus Aluminiumverbundplatten, die mithilfe der seitlich bestehenden Ankerkonsolen am Turm befestigt wird.

    Der neue Deckel soll eine Würdigung der Metallarbeiter und ihrer Familien sein, welche die Anlage jahrzehntelang geprägt haben. Messing findet sich an zahlreichen Ausstellungsstücken im Museum und soll auch in den Außenanlagen, z.B. als Rahmen für erhaltenswerte Flächen und Galmeivegetation (s. Abschnitt Landschafts-Zitate), verwendet werden. Der Kaminschlot und das Industriemuseum werden so enger miteinander verknüpft und der Raum um den Kaminsockel kann Bestandteil von Ausstellungen oder Führungen werden. Es wird außerdem sichergestellt, dass auch zukünftig nicht vergessen wird, was unter den dicken Abdichtungsschichten verborgen liegt.

    Beleuchtungskonzept

    Der Kaminschlot wird nachts von einem gestreiften Gewand umgeben. Zwölf weiße Laserstrahlen, z.B. 18,0W RGB, werden dafür über Teleskope vergrößert. Die Laserbeams haben ihren Ursprung am Fußpunkt der Turmruine, wo sie kreisförmig angeordnet nach oben stahlen. Sie werden im fußläufigen Bereich durch eine Glasummantelung vor direkter Einsicht geschützt. Die Laserstrahlen ummanteln den Kaminschlot, wie weiße Gitterstäbe und reichen bis zum neuen Turmdeckel (s. Detailzeichnung), wo sie auf einen umlaufenden Rinnen-Reflektor auftreffen und den neuen Deckel in reflektiertem Licht leicht „ausbluten“ lassen.

    Landschafts-Zitate

    Die Geschichte des industriellen Ortes der zu einem spannenden Konversionsstandort geworden ist, soll im Freiraum mit seiner neuen Nutzung erkennbar sein. Dafür werden Ausschnitte der Bleikammer-Bodenplatte, inkl. darauf angesiedelter Vegetation, freigestellt und mit runden Stahlrahmen eingefasst. Diese „Zitate“ können im untermittelbaren Kaminumfeld ebenerdig ausgeführt werden. Die erhaltenswerten Flächen an Galmeivegetation zwischen den alten Schienentrassen werden aufgenommen und in die runden Stahlrahmen wie in Hochbeete verpflanzt. Außerdem soll die gemauerte Oberdecke der unterirdischen Füchse partiell freigelegt werden und, wie durch ein Fenster in die Vergangenheit, Besuchern sichtbar werden. Früher Transporter für giftige Stoffe, heute Anziehungs- und Diskussionspunkt.

    Bodenmanagement

    Der zentrale Freiraum um den neu entwickelten Städtebau erhält mit 2% ein gleichmäßiges Gefälle von West nach Ost. Der Kamin liegt räumlich und topografisch im Zentrum der Anlage. Der Zinkütter Hof wird ohne Rampenkonstruktion barrierefrei angebunden, ebenso die Busstation an der Mauerstraße über die nördliche Zuwegung. Durch den Eingriff in das Gelände östlich des Kamins wird Boden überschüssig, der auf den Rückseiten der Gewerbeeinheiten (unterhalb der Stellplätze) eingebracht wird. Auch der belastete Boden aus dem bestehenden Lärmschutzwall wird entlang der südwestlichen Grenze verteilt. Der Geländesprung mit der angrenzenden Mauer wird dadurch reduziert und räumliche Verbindungen zu den benachbarten Gewerbeeinheiten topografisch umsetzbar.

    Erschließung

    Die vorgesehene Verkehrsanbindung über die Kreuzung Mauerstraße/Prämienstraße wird durch eine zweite Zu- und Ausfahrt auf der Mauerstraße in das Gebiet entlastet. Die neuen Gewerbeeinheiten werden ringförmig erschlossen, wodurch der zentrale Freiraum Fußgängern vorbehalten bleibt. Die Gebäudekanten bilden die zentrale Freiraumachse, mit dem Kaminschlot in ihrem Zentrum. Eingangsnah im Westen soll eine Mobilstation mit Lademöglichkeiten für Lastenfahrräder und Elektroautos durch Fördermittel errichtet werden.

    Der Bodenbelag im zentralen Freiraum wird mit Kalksandstein hergestellt, die außen liegenden Erschließungsstraßen in Asphalt. Die KFZ-Stellplätze der Gewerbeeinheiten werden entlang der Gebäuderückseiten angeordnet, die über kleine Rampen zwischen den Gebäuden angefahren werden.

     Vegetation & Ökologie

    Das neue Gewerbegebiet soll großflächig mit schnellwüchsigen Bäumen begrünt werden. Zusammen mit der festzusetzenden Dachbegrünung soll dadurch die starke Erwärmung der Anlage im Sommer reduziert werden. Im zentralen Bereich werden flach-wurzelnde Japanische Schnurbäume in linearen Beton-Hochbeete mit Sitzauflagen aus Lärche gepflanzt. Die so entstehende Grünachse bildet den barrierefreien Verbindungsraum durch das Gebiet und vom Museum zum Kamin. Hier befindet sich auch ein Trinkbrunnen. Es werden Aufenthaltsbereiche für Besucher der Anlage und die Angestellten der ansiedelnden Startup-Büros angeboten.

    Alle Gebäude erhalten begehbare Terrassen und eine intensive Dachbegrünung. Der hierauf anfallende Niederschlag kann getrennt vom belasteten Boden über Sickerschächte dem Grundwasser zugeführt werden.

    Energiewald

    Am westlichen Ende der Freiraumachse wird ca. 0,4ha Wald auf dem dort aufgeschütteten, belasteten Boden angelegt. In Verfahren der Phytosanierung kann dem Boden durch die Bepflanzung, z.B. durch Pappeln, Weiden und ein paar Blauglockenbäume, Schwermetalle entzogen werden. Die Pflanzen dieses Energiewaldes werden dafür in Zeitintervallen geerntet und wachsen anschließend wieder nach. Die entstehende Biomasse kann zur CO-2-neutralen Erzeugung von Strom und Wärme verwendet werden.

    Durch die Lage des Waldstückes am Gehweg der Mauerstraße soll ein offensiver Umgang mit dem Thema der Bodenbelastung auf dem umgenutzten Industriestandort sichtbar vermittelt werden.

  • Typ: Wettbewerb
  • Datum: 2020
  • Auslober:  Stadt Stolberg
  • Ort: Stolberg
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